THC-Regisseurin Kerstin Kündig strebt nach klugen Lösungen – nicht nur im Handball.

(von Steffen Ess, veröffentlicht von der Thüringer Allgemeinen, 1./2. April 2021)

Das Abspiel angetäuscht, verzögert – und zum Kreis gepasst. Zuvor ein exakter Schlagwurf und ein Hechtsprung, um einen Pass abzufangen; dann wieder ein energischer Vorstoß – und stets das Auge für die Mitspielerin: Hätte es eines Beweises bedurft, wie wertvoll Kerstin Kündig für den Thüringer HC ist, spätestens beim 33:30 über Bietigheim im Februar ist er erbracht worden. Und am Samstag gegen das nächste Topteam aus Metzingen soll es wieder gelingen. Gemeinsam, wie sie betont. Etwas anderes zu sagen, das passt auch nicht zu der aus dem Kanton Zürich stammenden Frau. Seit sie 2020 vom Schweizer Serienmeister LC Brühl zum THC kam, reißt sie wie keine andere Lücken für ihre Mitspielerinnen. „Ich mag es, wenn das aufgeht. Es gibt fast nichts Schöneres“, erklärt die Aufbauspielerin. Manchmal wünschte sich ihr Trainer etwas mehr Eigensinn.

Bei den Eidgenossen gilt Kündig als das Beste, was sie an der Regie vorweisen können. Eine Denkerin und Lenkerin, die aus dem gesamten Rückraum Torgefahr ausstrahlt und mit ihren Schweizern nun vor der ersten WM-Teilnahme steht. In den Play-offs sind sie gegen Tschechien jedoch Außenseiter. Dass Kündig am 16. und 20. April auf THC-Teamgefährtin Marketa Jerabkova trifft, ist eine launische Fügung. Und Trainer Herbert Müller wüsste gar nicht, wem er die WM im Dezember in Spanien mehr wünschen sollte. Froh ist er über beide Rückraum-Asse, die von den 747 Toren dieser Bundesliga-Saison 260 erzielten. Und glücklich, dass er die Schweizerin gewinnen konnte.

Es ist gut ein Jahr her, als sich beide in Erfurt trafen. Diese Zusammenkunft genügte, um das Herz der damals 26-Jährigen zu öffnen. Ihre Schwester Rebecca, bis 2019 ebenfalls bei Brühl, begleitete sie damals nach Erfurt und meinte auf dem Rückweg: „Du lächelst so. Ich weiß, dass du unterschreiben wirst.“ Und Kündig gibt zu: „Ich habe mich direkt in Erfurt verliebt.“ Das Gesamtpaket aus sportlichem Anspruch, dem Potenzial fürs Entwickeln und eine gewisse Nähe zur Heimat haben sie rasch überzeugt.

Der Zeitpunkt, einen Profi-Weg einzuschlagen, kam für die zweimalige Schweizer Handballerin des Jahres bewusst spät. Das Master- Studium für Medizintechnik in Zürich genoss Vorrang. „Handball ist wunderschön. Ich würde es mein ganzes Leben spielen wollen. Aber es hat ein Ablaufdatum“, erklärt die technisch interessierte wie begabte Absolventin. Sie, die vorausschaut, zielorientiert im Rückraum weite Wege geht, plant ebenso ihren Lebensweg. Sie scheint vom gleichen Schlag zu sein wie Müller. Er, der Mathematiker. Sie, die Strategin, die Gegner studiert, Stärken, aber auch Schwachstellen in einem Buch notiert – und die Naturwissenschaften so mag. „Mit Mathe, Physik lassen sich Lösungen entwickeln“, sagt Kündig einen Satz, der genauso gut aus dem Mund des Coaches hätte kommen können.

Spannend wäre die Frage, wer beim „Brändi Dog“ gewänne. Die THC-Antreiberin mag dieses Brettspiel, das „Mensch ärgere Dich nicht“ ähnlich ist, aber mit Karten und in Teams gespielt wird. „Man muss sich eine Strategie überlegen, wie man zusammen erfolgreich sein kann“, sagt sie und zieht ungewollt Parallelen zu den klugen Aktionen beim Handball. Das K in ihrem Namen steht eben für Köpfchen.

Foto: Alexander Wagner, Foto Wagner